MODERNER TANZ reloaded – Fachtagung

Die hybride Fachtagung Moderner Tanz reloaded wurde durch den Zusammenschluss der Trägervereine des Modernen Tanzes in Deutschland durchgeführt und durch das Förderprogramm KULTUR.GEMEINSCHAFTEN der Kulturstiftung der Länder finanziert. Die Veranstalter:innen  konnten sich über die zahlreichen Anmeldungen und das große Interesse rund um den Modernen Tanz in Deutschland sehr freuen. 

Ausschlaggebend für diese Tagung war schließlich der im letzten Jahr gefasste Entschluss der deutschen UNESCO Kommission, den Modernen Tanz in Deutschland für die repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Welt vorzuschlagen. Die damit verbundene Antragstellung veranlasste die Vertreter:innen der Vermittlungskonzeptionen, Eva Lajko für Arbeitsgemeinschaft Rosalia Chladek Deutschland e.V., Susanne Montag-Wärnå für Europäischer Verband für Laban Bartenieff Bewegungsstudien EUROLAB e.V., Krystyna Obermaier für den Elementaren Tanz e.V. sowie Dr. Claudia Fleischle-Braun für die Gesellschaft für Tanzforschung, das Projekt Moderner Tanz – Dance Education for Future_2021 zu initiieren. Dieses ermöglichte den Protagonist:innen einige zukunftsträchtige Content-Produktionen zu realiesieren, die eine zeitgemäße und auf Digitalität bezogene Verbreitung und Weitergabe des immateriellen Erbes des Modernen Tanzes unterstützten. Im Verlauf der Fachtagung wurden einige der neuen, medienbasierten Informationsquellen vorgestellt.

Gestartet ist die Fachtagung mit drei Keynotes in den Räumen der Katholischen Hochschule NRW in Köln, wo nach der Begrüßung durch Krystyna Obermaier, Prof. Dr. Michael Obermaier als Hausherr die Teilnehmer:innen willkommen hieß und die Verknüpfung der katho mit dem Modernen Tanz, vor allem an dem Vertiefungsfach Tanz in dem dualen Studiengang der Kindheitspädagogik darlegte. Rita Molzberger übernahm anschließend die Moderation der vielseitigen Tagung. 

Fachtagung in den Räumen der Katholischen Hochschule NRW in Köln

Die Dimension der Körperlichkeit in der digitalen Gesellschaft – Prof. Dr. Benjamin Jörissen

Den ersten spannenden Vortrag zur „Dimensionen der Körperlichkeit in der digitalen Gesellschaft“ hielt zugeschaltet der UNESCO Lehrstuhlinhaber Prof. Dr. Benjamin Jörissen von der FAU Erlangen-Nürnberg, ein Experte auf dem Gebiet der Digitalitätsforschung in der kulturellen Bildung. Er nennt zunächst drei Dimensionen der Körperlichkeit: zum einem die naturgeschichtliche, dann die kulturgeschichtliche und die geschichtliche Weiterentwicklung der Sichtweise auf die “Körperlichkeit”. Im Weiteren bezieht er sich auf  “Körper und digitale Visualität und Materialität” sowie den Themenbereich “Digital Culture and Sociology”. Die größte Gefahr besteht, wenn sich Datenformate versus Sinneswahrnehmung einstellen. Für die kulturelle Bildung bedeutet das ein neues Medienbewusstseins zu schaffen, das die sinnliche Wahrnehmung schärft, Reflexion der Wahrnehmung fördert, neue Wege der Vermittlung beschreitet.

Prof.´in Dr. Claudia Steinberg vom Institut für Tanz und Bewegungskultur der DSHS Köln

Leiblichkeit und digitaler Raum im Tanz – Prof.´in Dr. Claudia Steinberg

Im anschließenden Vortrag fasst Prof.´in Dr. Claudia Steinberg vom Institut für Tanz und Bewegungskultur der DSHS Köln die Spezialisierung zur “Wirkungsforschung im Tanz” in Zeiten der Postdigitalität sowie die Verschmelzung des Digitalen in der Bildung am Beispiel Tanzen im virtuellen Raum als Lebenswelt eindrücklich und mit vielen unterschiedlichen Beispielen aus der digitalen Praxis zusammen. Aktuelle Forschungsergebnisse zu Smartphonenutzung bei Kindern und Jugendlichen zeigen ein überaus großes Interesse schon ab dem 10. Lebensjahr. Insbesondere ist das “Nachahmen von Bewegung in Videoclips” bei bei TikTok besonders beliebt. Social Media übernehmen Vorbildfunktionen und prägen ohne kritische Reflexion des Wahrgenommenen die tänzerische Identität. Sowohl die Möglichkeiten als auch die Grenzen einer digitalen Tanzvermittlung müssen stärker in den Fokus genommen werden. Formate mit partizipativen und prozessorientierten Ansätzen müssen in der Vermittlung gefördert werden; denn die “Tanzselbstbildung” aus dem digitalen Raum ist allgegenwärtig. Ein gelungenes Beispiel findet man z.B. bei den Apps von #digitanz, Calypso und Cocoon Dance (siehe auch unter: www.digitanz.de).

Explorative Studie zum Tanz und Digitalität bei Senior:innen – Prof. Dr. Michael Obermaier

Eine weitere Untersuchung zu den Auswirkungen der digitalen Maßnahmen im Tanz erörterte Prof. Dr. Michael Obermaier von der Katholischen Hochschule. Er stellte die ersten Ergebnisse einer Studie „Digitale kulturelle Bildung im Tanz bei Senior:innen [diku BiTaS]“ vor, die vom Elementaren Tanz e.V. im Rahmen der Förderung DIS Tanz Impuls in diesem Jahr durchgeführt wurde. Die Studie hatte primär explorativen Charakter und untersuchte die Wirkung eines pandemiebedingt in den digitalen Raum verlagerten Tanzangebotes für elf Senior:innen im Alter zwischen 68 und 83 Jahren (Versuchsgruppe). Dabei standen die Einschätzungen der Auswirkungen des Online-Tanzangebotes (Moderner Tanz) sowohl auf der psychosozialen (Wohlbefinden, Einsamkeit, Depression, …) und kognitiven (Medienkompetenz) als auch auf der physiologischen Ebene (Fitness oder Konzentrationsfähigkeit) im Zentrum des Erkenntnisinteresses. Zur Kontrastierung wurde die vom Berliner Zentrum für Altersfragen im Rahmen des Alterssurvey generierte Stichprobe (DZA-Vergleichsgruppe, N=2792) herangezogen. In einem zweiten Schritt werden die explorativ gewonnenen Daten in ein qualitatives Forschungsprojekt überführt, das von Prof. Dr. Michael Obermaier (katho nrw), Prof.´in Dr. Claudia Steinberg (DSHS) und Rita Molzberger (katho nrw) im 1. Quartal 2022 durchgeführt wird.

Prof. Dr. Michael Obermaier von der Katholischen Hochschule.

Tanz-Tutorials aus der Serie: Tanzen@home  –  Krystyna Obermaier

Vor der Pause konnten die Teilnehmer:innen ein Tanz-Tutorial aus der Reihe Tanzen@home, zu Hause durchführen. Die Tutorials wurden vom Elementarer Tanz e.V.  innerhalb des Projekt „Ein digitales Tanz-Abenteuer für Senior:innen. Förderung einer vernachläßigten Gruppe im Tanz“ produziert. Die Fördergelder stammen aus dem Programm NEUSTART KULTUR, Hilfsprogramm DIS-TANZEN des Dachverband Tanz Deutschland. Diese Videos sind für alle Interessierten mit Vorerfahrungen im Tanz bei YouTube kostenfrei zugänglich und gelten als Erweiterung und Ergänzung des regelmäßigen Kursangebots. Der qualitative Anspruch der Tutorials wurde vorrangig in der Vermittlung von Tanz auch im Sinne einer improvisatorischen Handlung anvisierte. Die Nutzer:innen (Senior:innen, Jugendliche und Erwachsene) haben darüber hinaus die Möglichkeit, an einer online Befragung zu den Tutorials teilzunehmen. Siehe auch unter elementarertanz.de.


Digitale Demonstration des Chladek®Tanzsystems mit Praxisbeispielen – Eva Lajko

Nach der Pause wechselt der Austragungsort in das Tanzstudio Ute Bühler in Wiesbaden, wo uns Eva Lajko einen 5-Minuten-Trailer zu der 30-minütigen Dokumentation der Chladek-Tanztechnik in Zusammenarbeit mit Martina Haager, vorstellt, in der alle Bewegungsprinzipien des Chladek-Tanzsystems aufgeschlüsselt und ihre künstlerische Anwendung vermittelt wird. In einem in Anschluss durch Eva Lajko durchgeführten Praxisbeispiel wurde demonstriert, wie durch die verbale und auditive Vermittlung des Chladek-Systems der Moderne Tanz auch digital vermittelt werden kann. Alle Teilnehmer:innen waren eingeladen mitzumachen. (Siehe auch unter www.tanz-chladek.com www.mutanth.de) 

Presentation of films: Laban/Bartenieff Movement Studies applied! – Susanne Montag-Wärnå

Susanne Montag-Wärnå und Antja Kennedy vom Europäischen Verband für Laban Bartenieff Bewegungsstudien empfingen die Teilnehmer:innen in Finnland und Berlin. Susanne Montag-Wärnå erzählt zunächst etwas zum Projekt „Laban/Bartenieff Movement Studies applied!” und zeigt anschließend dazu auch einen kurzen Teaser. Die elf exemplarische Videos findet man auf https://www.laban-eurolab.org/video-series. Sie zeigen die vielfältige Anwendbarkeit der LBBS.

Lecture-Demo.: Live-Online Classes in Laban/Bartenieff Movement Studies – Antja Kennedy

In Berlin führte Antja Kennedy allein eine Lecture-Demonstration mit dem Titel: “Live-Online Classes in Laban/Bartenieff Movement Studies” durch, in der sie ein Praxisbeispiel aufzeigt, wie auch in LBBS die Sprache eingesetzt werden kann, um Teilnehmer:innen eines Onlinekurses zu einer spezifischen Bewegung zu motivieren. Zudem demonstrierte sie aus ihrem Home-Studio eine ihrer “Live Online Classes in LBMS”.

Werkstatt: Kommunikations-Webseite Moderner Tanz – Krystyna Obermaier

Krystyna Obermaier stellte die sich im Aufbau befindende Web-Plattform für den Moderner Tanz in Deutschland vor. Die Entwicklung der Seite wird durch die Fördergelder von Kultur Gemeinschaften getragen. Der Elementare Tanz e.V. hat federführend die Konzipierung und Gestaltung der Plattform mit einer Medienfirma vorgenommen. Mit dem Ziel, die Grundbausteine der künstlerisch-pädagogischen Grundkonzepte des Modernen Tanzes im virtuellen Raum zu visualisieren sowie die Forschung, Dokumentation, Ausbreitung und Weiterentwicklung zu publizieren. Entsprechende Quellen wie Vidopodcasts, Lehrfilme, Tutorials, Fotogalerien sowie Animations- und Anwendungsbeispiele sollen mit einem aktuellen Diskussions- und Dialogpool verknüpft werden. Die Realisierung erster Medien für die Webseite wurden schon im Verlauf der Tagung vorgestellt. Angesprochen werden Tanz-Interessierte und ihre Multiplikatoren, Jugendliche, Enthusiasten, Praktiker, Lehrende, Wissenschaft, sowie die Presse. Die ausgewählte Domäne ist modernertanz.com. Als Wiedererkennungs-Symbol im Sinne einer Kennung für die Seite im Netz (wie z.B. der Apfel bei Appel oder der Fuchs bei Firefox) ist Ant (z) – englisch die Ameise gewählt. Aus T A N Z wird durch Verschiebung der Buchstaben A N T z. Zukünftig soll die Seite von zwei Personen, die eine für die Organisation, die andere für die Technik, betreut werden. Für die inhaltliche Ausgestaltung der Plattform sollen Themenpatenschaften von ca. 3-5 Beiräten aus der Community vergeben werden, die auf begrenzte Zeit sich um die Inhalte der Seite kümmern. Zur weiteren Finanzierung soll Akquise von Stiftungen und Spendern erfolgen. Interessierte Personen, die an der Gestaltung und Entwicklung von Finanzierungsmodellen mitarbeiten möchten, können sich bei Krystyna Obermaier unter post@elementarertanz.de melden.

Prof.‘in Dr. Yvonne Hardt

Selbstverständnis Moderner Tanz heute – Prof.‘in Dr. Yvonne Hardt

Der Impulsvortrag von Prof.’in Dr. Yvonne Hardt, Hochschule für Musik und Tanz Köln, zum “Selbstverständnis Moderner Tanz heute” leitete die anschließende Podiumsdiskussion ein, in der über das Begriffsverständnis des Moderner Tanzes im zeitgenössischen Kontext rege diskutiert wurde. Professorin Hardt erklärt, dass es kein Selbstverständnis von Moderner Tanz gibt. Die Frage stellt sich, um welche “Moderne” es sich handelt: die Praktiken vom Anfang des 20. Jahrhunderts, die die “historische Moderne” bilden und sich in Ablehnung der damals bestehenden kodifizierten und regulierten Tanzpraktiken entwickelten. Oder die Art des Arbeitens mit dem Tanz als “Strategie der Moderne“. Statt die Abgrenzung zu anderen Tanzstilen/Tanztechniken aufzuzeigen, sollten wir heute eher die Gemeinsamkeiten finden, die gemeinsame Basis, Prinzipien und/oder Grundlagen. Ähnliches Bewegungsmaterial findet sich jedoch heute sowohl im Modernen Tanz als auch im Zeitgenössischen. Oft lehnt die zeitgenössische Praxis die emotionalen Facetten des sog. “Modernen Tanzes” ab bzw. stellt sie in Frage oder etikettiert den Modernen Tanz als altmodisch. Im zeitgenössischen Tanz herrscht ein “Eklektizismus der Körperlichkeit”, der auch das hässliche und verkorkste in der Bewegung akzeptiert. Der zeitgenössische Umgang mit dem modernen Tanz belebt das kulturelle Erbe wieder, kritisiert es, wendet es und rekonstruiert es neu.Improvisation bei den Dreharbeiten

Veranstaltungshinweise:

Am 15.01.2022 gibt es eine Fachtagung zum Thema “Tanz – Natur – Kultur” (elementarertanz.de)

Im Juni 2022 Konferenz in Finnland – Spuren des modernen Tanzes vor Ort ( Susanne Montag-Wärnå)

Vom 25.-27.11.2022 EUROLAB: Konferenz in Loheland (TanzTraditionsgelände) zum Thema: Historische Tanzerzählung: transition to vision (www.laban-eurolab.org)

Das Team in Köln

Förderer:innen und Kooperationspartner:innen

Kategorien: Vereinsleben